Steine sprechen lassen... Teil 3

1722 gingen die damals 674 Einwohner Leimersheims folgenden Berufen nach : 1 katholischer Pfarrer, 1 reformierter Pfarrer, 1 katholischer Schulmeister, 1 Anwalt, 1 kurpfälzischer Forstknecht, 27 Tagelöhner, 24 Bauern, 15 Fischer, 6 Schneider, 5 Leinenweber, 4 Schuhmacher und 4 Wirte, 3 Weber, 3 Zimmermänner, 2 Bäcker, 2 Händler und 2 ölmüller, 1 Müller, 1 Schmied, 1 Krämer, 1 Wagner, 1 Maurer und 1 Kühehirt. An Wirtschaften gab es in jener Zeit folgende: Zum Löwen, Zur Krone, Zum Schwanen, Zum Wolfen und Zum Falken. Doch konnte man sich nur an Feiertagen mal ein Bier leisten, hergestellt vom Bäcker und Biersieder Peter Martin Becker, der als Bäcker jedoch "sehr schlechte Nahrung" herstellte. überhaupt entsprach die Ernährungssituation der schlechten zeit: Hauptnahrung war seit Jahrhunderten der Brei: Gerste- und Haferbrei (Grütze) an Werktagen, Hirsebrei an Feiertagen. An zweiter Stelle stand das Gemüse: Kraut und Rüben. Allmählich setzte sich 18. Jahrhundert die Kartoffel durch. Fleisch war sehr knapp und eher Speise wohlhabender Bauern. - Und rund jedes vierte war ein Hungerjahr! Soweit zu den dürftigen Lebensverhältnissen der Familie Becker. Trotz alledem war der Tagelöhner Hans Georg im Jahre 1722 im Besitze von etwa einem Morgen Acker (meist schlechter Qualität) und etwa zwei Morgen Wiesen, ebenfalls schlechter Qualität. Ebenso besaß er ein Haus 8ter Class. (von 10 Qualitätsklassen). Es muss sich also mehr um eine Hütte gehandelt haben. 10 Jahre lang, bis zum Jahre 1731, wohnte er mit seiner Familie in diesem Häuschen bis er sich dann 1731 das sogenannte Fischerhaus erbaute. - An der Errichtung des Hauses war eine Vielzahl von Kräften beteiligt. Neben dem Handwerker wirkten der Besitzer und seine Familie selbst mit. Dies geschah nicht nur bei Zubringerdiensten, sondern auch mit selbstständigen Leistungen, so dass es schwer fällt, diese Arbeit von jener der anderen zu trennen. Im allgemeinen entstanden damals recht bescheidene Fachwerkhäuser. Und wahrscheinlich muss der folgende Bericht eines Städters bei einem Dorfbesuch in der damaligen Zeit auch auf das Haus der Beckers zugetroffen haben: "Die Bauernhäuser stachen gegen das schmucke Pfarrhaus gewaltig ab und erweckten den Eindruck des tiefsten Elends. Wir betraten hier zum ersten Mal die niedrigen Stuben, deren dumpfe Luft uns den Atem versetzte, und sahen die dürftigen zerlumpten Gestalten der Bewohner." Hygiene kannte man nicht, da sie alles auf engstem Raum abspielte. Das dürftige Mobiliar eines Bauernhauses ist schnell aufgezählt: ein Gerüst zum Trocknen der Wäsche, das Ofenrick, das an der Stubendecke in der Nähe des Ofens angebracht war und aus ein paar Stangen bestand; schlichte Bretter an den Wänden der Stube und Kammer und der Aufsatz über der Tür dienten dazu, den kleinen Hausrat, Schüsseln, Näpfe und Krüge daraufzustellen. An Holzpflöcken, in der Wand angebracht, hingen Kleider, Werkzeug u.a. - Hauptmöbel bildeten Tische und Bänke. Neben den Bänken, auf denen man auch lag, dienten als Sitzgerät auch noch die Schemel. Beim Bett handelte es sich um ein einfaches Brettergerüst, pritschenartig, mit Bettstücken belegt. Die Bettstücke waren Strohbreite oder Strohsack, Polster und Kissen, sowie Zudecke, Decklaken. Die Bettlaken waren aber in den ärmeren Haushaltungen nicht immer vorhanden, obwohl sie um so nötiger war, als man gänzlich unbekleidet schlief. Sie wurde oft ersetzt durch Strohsäcke, die auf die erde gelegt wurden oder nur durch Stroh; Bettdecken bildeten dann alte Säcke. Das feinste Eck im Haus, zu dem man sich nicht nur in schwierigen Zeit hingezogen fühlte, war das "Liebherrgottseckl" in der Vorderstub. Oberhalb eines massiven, mit einem weißen Leinentuch bedeckten und durch lange Holzbänke flankierten Tisches war im vorderen Zimmereck ein feingeschnitztes Kreuz aufgehängt, geziert mit dem "Palmwesch" oder "Würzwesch" und eingerahmt von Heiligen- und Christusbildern sowie Erinnerungen an Firmung und Erste heilige Kommunion. Die anderen Wände der Vorderstub waren zumindest bei wohlhabenden Bauern geziert mit eingerahmten Spiegeln, kleineren Bretterregalen und nach der Entwicklung der Fotografie mit mehreren großen, eingerahmten Fotos von Eltern und Großeltern..







Die "Vorderstub", früher das besteingerichtete
Zimmer im ganzen Haus

Nicht zu übersehen war der großeingerahmte Haussegen, dessen feinzierliche Buchstaben aufgestickt waren. Dem Hausbau der Familie Becker gingen friedlichere Jahre voraus, in denen nachweislich mehr Wohnhäuser neu erbaut wurden. So wurde Karl Fischers wunderschönes Fachwerkhaus bereits 1727 vom "Churpfalz Forstknecht" Johann Philipp Wolf errichtet. 1729 wurde das Pfarrhaus mit Pfarrscheuer erbaut und etwa im gleichen Jahr die Mühle Emmerling. Zu Beginn des Jahres 1729 begann man auch damit, die Fundamente um das alte Kirchlein zu graben, ziemlich nahe der alten Mauern. Im März 1731 wurde dann die neue schöne, Barockkirche eingeweiht. Bereits 1727 verlegte man den Friedhof von der Kirche "an einen Platz außerhalb des Ortes, an den Neupotzer Fahrweg". - Also: An allen Ecken und Enden wurde neu erbaut oder neu eingerichtet. So stellten sich auch die Leimersheimer Juden einige Jahre später aus einem Stall notdürftig ihr erstes Bethaus her, das erst 1847/1848 durch die neue Synagoge ersetzt wurde. Während jedoch überall neue Häuser entstanden, verfielen bedeutende historische Gebäude und wurden schließlich abgerissen. Die Leimersheimer Kirche und das Pfarrhaus wurden bereits mit Steinen der abgerissenen Hördter Klosterkirche erbaut. Doch auch die Burg zu Leimersheim, die eine Wasserburg mit drei festen Türmen war, wurde 1718 auf ABriss versteigert und an Nikolaus Hoffmann aus Rheinzabern verkauft. Abgerissen sollte sie deshalb werden, weil in kriegerischen Zeiten sich ständig die Parteien darin aufgehalten hätten. Ein Turm sollte jedoch stehen bleiben und als Gefängnis dienen. Es scheint als hätte Leimersheim in jenen Jahren einen großen Wandel erfahren. Dennoch blieb vieles beim alten: Neue überschwemmungen, neue Kriege, suchten das Dorf heim. 1739 heißt es in einer Kartenlegende zu Leimersheim: "... ein Dorf ... welches ist gänzlich der Rheinüberschwemmung unterworfen..." Und nicht selten stand dabei auch das Dorf unter Wasser, das damals noch um einiges tiefer lag. Der Hof des Fischerhauses wurde erst nach dem großen Hochwasser von 1910 um etwa 40 cm aufgefüllt, genau um eine Treppenstufe. - Der polnische Erbfolgekrieg von 1733 bis 1738 hatte erneut die Franzosen in unsere Gegend geführt, das das Aufmarschgebiet eines Belagerungsheers wurde. Durch Truppendurchzüge, Einquartierungen und Fouragierungen entstanden der Bevölkerung wieder große Verluste, die erst allmählich ersetzt werden konnten. Die große Nöte, die harte Arbeit ließen Hans Georg Becker schnell altern. Eine Hungerkatastrophe in ganz Deutschland im Jahre 1741 überlebte er nicht. Er starb eine Woche vor seinem 46ten Geburtstag, am 11. Dezember 1741, kurz nach der Geburt seines Sohnes Georg Adam. Da seine Söhne alle im Kindesalter starben, blieb ihm kein männlicher Erbe. Es ist zu vermuten, dass das Fischerhaus durch die Heirat seiner Tochter Elisabeth Barbara mit Johann Philipp Wolf am 19.09.1763 in Wolf` schen Besitz überging. Denn es ist bekannt, dass der Ackersmann Johann Jakob Schaaf das Haus 1821 "durch die erste Ehefrau Eva Katharina Wolf als einzige Erbin aus dem Nachlasse der Eltern Georg Wolf und Maria Katharina Müller ererbt" hat. Dieser Johann Jakob Schaaf lebte von 1821 bis 1843 mit seiner Frau und 14 (!) Kindern in dem Haus. Da wundert es nicht, dass die Armut der Familie und der Platzmangel drei der Kinder 1849 bzw. 1854 zur Auswanderung nach Amerika trieb. Von 1843 bis 1845 lebte der Tagelöhner Nikolaus Heintz mit seiner fünfköpfigen Familie und der ledigen Margaretha Schaaf im Fischerhaus. Von 1845 bis 1849 war es wieder zur Hälfte im Besitz des vorhin genannten Johann Jakob Schaaf, ab 1849 wohnte der Ackersmann Johann Adam Lösch mit seiner Familie darin. Erst 1884 gab dieser das Haus an Johann Philipp Schwab ab, der es 1909 an seine mit Ferdinand Lösch verheiratete Tochter Maria Eva vererbte. 1911 ließ dieser Ferdinand Lösch die alte Scheuer abreißen und am gleichen Ort eine neue aufbauen. Als er 1929 starb, vermachte er den Besitz seinem Sohn Robert , der bis zu seinem Tode 1972 darin wohnte. Er war der letzte Hausbewohner.

(Helmut Sittinger)