Steine sprechen lassen... Teil 1

"Wenn Steine sprechen könnten...." heißt es und man verbindet damit die Gewissheit, dass sie es ja doch nicht können. Aber ebenso wenig mögen Papier und Tinte an sich sprechen können, Tinte, von Menschenhand auf Papier gezeichnet, vermag jedoch ganze Romane zu erzählen. Hinterlassen die Menschen aber nur auf Papier vielsagende Spuren? Oder haben wir Auge und Gehör für andere Spuren verloren? Betrachte ich mir zum Beispiel eines der noch (!) zahlreichen, unsere Straßen verschönernden südpfälzischen Fachwerkhäuser, ist es, als schlüge ich ein Buch auf, das mir Aufregendes und Interessantes aus der Vergangenheit und über unsere Vorfahren berichtet. Ich schenke diesen gealterten Steinen ein Ohr, und sie erzählen mir tatsächlich sehr viel, bleiben keineswegs stumm, wie man so denken mag. Da ist das Leimersheimer Fischerhaus nur ein Beispiel für viele andere Fachwerkhäuser in unserem Raum. Dieses alte Häuslein, das als Heimatmuseum ganz besonders südpfälzische Dorfgeschichte erzählen möchte, hat nun schon über 250 Jahre auf dem Buckel, manches gesehen und erlebt, das zu schildern eine umfangreiche Ortschronik verlangt. Wir wollen uns hier nur die Anfangsjahre dieses in neuem Glanze stehenden Haus erzählen lassen. Wie uns die Inschrift an einem Eckbalken des Fischerhauses verrät, wurde das Haus im Jahre 1731 von einem Hans Georg Becker und dessen Frau Margaretha erbaut. Mit diesem Datum stimmt auch die Fachwerkgestalt überein. Die häufige Anwendung profilierter Gesimse ausschließlich an den Schauseiten des Hauses (Straßen- und Hofseite) und die Verwendung von teilweise stark geschwungenen Streben deuten ebenfalls auf diese Entstehungszeit hin (Sebert & Völker, Bericht zur Bauaufnahme, 1980). Aber auch der Aufbau des Hauses entspricht vollständig der damals geltenden traditionellen Vorstellung: an der Straßenseite der Wohnteil mit großer "Stub" (oder auch Vorderstub, das besteingerichtete Zimmer im ganzen Haus) und daneben das Schlafzimmer der Eltern; im Mittelteil Hauseingang, Flur mit Treppe ins Obergeschoss und Einstieg in das Kellergewölbe; dahinter die Küche, Zentrum und Herz des Hauses, mit Backofen. Sowohl die Steine der offenen Feuerstelle als auch sämtliche anderen Steine, die zum Bau des Hauses verwendet wurden, waren Bruchsteine der damals abgerissenen Hördter Klosterkirche. Früher befand sich in der kleinen Küche wohl ein Ausgang in den Garten und zum Brunnen, der sich auf dem heute bebauten Nachbargrundstück befand. Draus kann man schließen, dass das Fischerhaus längere Zeit am östlichen Dorfende lag, was man auch einer Dorfkarte aus dem Jahre 1739 entnehmen kann. Im hinteren Teil des Hauses lag ein Wirtschaftsraum bzw. eine Werkstätte, worauf unter anderem die schlechte Qualität des Deckengebälkes hinweist, das hier sehr krumm und im Querschnitt unterschiedlich ist. Diese "Hinterstub" oder "Hinterkammer" diente oft auch als Schlaf- und Spielzimmer der Kinder. Das Obergeschoss diente, dem damaligen Brauch entsprechend, nur als Lagerraum.






Sie sehen hier einen Teil der alten
Fischereigerätschaften in einem der
Ausstellungsräume.

Von wem aber wurden all diese aufgezählten Räume genutzt? Wer war dieser Hans Georg Becker, der sich mit seiner Frau Margaretha im Gebälk des alten Hauses verewigte? Um hierauf Antwort zu finden, müssen wir in alten Aufzeichnungen nachblättern. Und dort können wir zum Beispiel folgendes lesen: "1695, 7. Februar ist copuliert worden der ehrsame und bescheidene junger Gesell Hans Philipp Becker mit der ehr- und tugendsamen Jungfrauen Catharina Neimand..." Soweit ein Vermerk des damaligen Pfarrers Tutelius zur Hochzeit von Hans Georgs Eltern, die, wie so viele andere, in Zeiten wirtschaftlicher Not und kriegerischer Unruhen fiel. Obwohl im Orleans`schen Erbfolgekrieg (1688 bis 1697) Leimersheim als Teil Frankreichs von größeren Verwüstungen verschont blieb, hatte die Bevölkerung doch unter französischen Einquartierungen und vielen Fouragelieferungen zu leiden. erst 1697 fiel das Oberamt Germersheim wieder an den deutschen Landesherrn, Kurfürst Johann Wilhem, zurück. Noch im Jahre 1695, am 18. Dezember, wurde Hans Georg, der Erbauer des Fischerhauses, geboren, Acht Jahre danach wurde ihm eine Schwester, Anna Christina; geschenkt (28.08.1703). Auch sie wurde in eine Welt voller Not und Kriege hineingeboren: von 1701 bis 1714 kämpfte die Kurpfalz im Spanischen Erbfolgekrieg auf kaiserlicher Seite gegen Frankreich. Unsere Gegend musste aufs neue große Opfer bringen, wie die Akten des Klosters Hördt und der ihm gehörigen Dörfer Leimersheim, Kuhardt und Neupotz berichten. So konnten die Pächter der Klostergüter wegen der Kriegsunruhen 1713 überhaupt nichts ernten, und 1714 konnten nur 33 Morgen angebaut werden. Weiter wird berichtet, dass der Mangel bei der Bevölkerung so groß gewesen sei, dass die "mehrsten von ihnen das Welschkorn nicht satt zu essen hätten". 1708 wurde Leimersheim bei einem Beutezug sehr in Mitleidenschaft gezogen. Wiederholt wurde das Leimersheimer Schloss und die Kirche in den Jahren 1709 bis 1714 von den Franzosen schwer beschädigt. Bei einem französischen überfall 1713 wurde Leimersheim geplündert, wurden aber auch einige Gebäude niedergebrannt. Zu all dieser Not kamen die alljährlichen größeren und kleineren überschwemmungen durch den noch unbegradigten Rhein hinzu, die, wie im Jahre 1720, große Ackerflächen verwüsteten. Außer Anna Christina bekam Hans Georg Becker keine Geschwister, was für die damalige Zeit ungewöhnlich erscheint. Doch erfahren wir auch, dass der Vater dieser beiden Kinder schon sehr früh verstarb, am 10. Januar 1714, als seine Tochter gerade 10 Jahre alt war. Möglicherweise starb er aus Gram, Ernährungsmangel oder infolge erlittener Verletzungen bei einem Beutezug der französischen Truppen. seine Frau sollte ihm in diesem Schicksal bald folgen. Der Beruf dieses Philipp Becker ist nicht bekannt. Jedoch hinterließ er seinen Sohn Hans Georg anscheinend keine großen Güter, da dieser sich und seiner kleinen Familie als Tagelöhner das tägliche Brot verdienen musste. Er war noch als Familienvater 1722 einer der damals 27 Tagelöhner, die sich von Tag zu Tag von den wohlhabenden Bauern Arbeit zuteilen ließen und stets am Abend entlohnt wurden. Sie waren die am direktesten Betroffenen in wirtschaftlich schlechten Zeiten (Bauern gab es damals 24 in Leimersheim).







Die Küche, Zentrum und Herz des Hauses